Neubau Produktionsstandort STIHL Rumänien

Projektdaten

KategorieRealisierte Bauwerke
BauherrInANDREAS STIHL AG & Co. KG
PlanerInMPS ARCHONIC GmbH
Fertigstellung10.2025
OrtOradea, Bihor County
BildnachweisHubert Kieweg

Bauaufgabe: Neubau Produktionswerk für Akkuprodukte in Oradea, Rumänien

Zur Stärkung des globalen Fertigungsverbundes war für den Hersteller von Geräten für die Forstwirtschaft, Garten- und Landschaftspflege ein neuer Standort zur Produktion von Akku-Geräten in Osteuropa zu realisieren. Zukunftsfähigkeit, Flexibilität, Nachhaltigkeit und die Schaffung eines attraktiven Arbeitsumfeldes für bis zu 700 Mitarbeiter waren wesentliche Anforderungen des Auftraggebers.

Standortwahl
Makrostandort mit hoher Attraktivität für Mitarbeiter, familienfreundliches Umfeld (Universitäten, Wohngebiete, internationale Schulen, politisch sicheres Umfeld, Infrastruktur, Lebensqualität für Mitarbeiter (sozialer Aspekt).

Konzeptidee und Architektur
Der Standort liegt in einem Industriegebiet der Stadt Oradea in Rumänien. Das Areal wurde vor Umwidmung zur industriellen Nutzung als Obstplantage genutzt. Auf einer Fläche von 6000m² konnten Mirabellenbäume als ökologisch wertvolle Fläche erhalten werden (The Little Forest). Das architektonische Konzept sieht eine klare Trennung der unterschiedlichen Funktionen wie Produktion, Technik, Büro vor, um eine unabhängige Erweiterung oder auch Drittnutzung zu ermöglichen. Die Verbindung der einzelnen Gebäude erfolgt über Brücken (Mensch) oder Stege (Technikanbindung). Die Infrastruktur ist für eine spätere Erweiterung der Produktionsflächen vorbereitet. Das Grundstück bietet mit 150.00 m² eine künftige Erweiterungsfläche von ca. 40%. Das freistehende, dreigeschossige Bürogebäude bietet 250 hochwertige, natürlich belichtete Arbeitsplätze mit Ausblicken in die Grünanlagen. In den flexiblen Grundrissen wechseln sich Standardarbeitsplätze mit Coworking Zonen, Lounge Bereichen und Teeküchen ab. Besprechungsräume in diversen Größen komplettieren das Bürokonzept. Durch das Abrücken des Gebäudes von den Produktionsflächen ergibt sich ein begrünter Innenhof indem neben schattigen Pausenplätzen auch die Terrasse des Werksrestaurants liegt. Von hier aus ist auch der Mirabellenwald leicht zugänglich.

Gebäudehüllen
Die Verwendung von handelsüblichen Trapezblechen für alle Fassaden war Grundlage für eine wirtschaftliche Umsetzung der architektonischen Qualität. Durch den Einsatz von drei verschiedenen Profilen sind diese auf einfache Weise methodisch strukturiert. Besonders am voluminösen Baukörper der Produktionshallen werden die großen Fassadenflächen durch unterschiedliche Reflexionen der Bleche horizontal gegliedert und fügen sich gut in die Maßstäblichkeit der Umgebung ein. Die 27.000m² großen Dachflächen der Produktionshallen sind mit einer PV-Anlage bestückt. Alle anderen Dächer sind als extensive Gründächer ausgebildet.

Funktionalität
Büro- und Produktionsmitarbeiter als auch Besucher betreten die Gebäude über einen gemeinsamen Zugang im Bürogebäude (keine Trennung von Büromitarbeitern und Produktionsmitarbeitern). Im Erdgeschoß des Bürogebäudes befinden sich auch die zentralen Umkleiden, das Betriebsrestaurant und ein Produktausstellungsbereich. Foyer, Treppenraum und Eingangsbereich sind offen gestaltet und dienen als Kommunikations- und Begegnungsfläche für alle Mitarbeiter. Ausstattung und Materialien sind einladend gestaltet und bieten eine hohen Arbeitsplatzkomfort. Die Anbindung an weiter Gebäude erfolgt über Brücken oder gedeckten Fußwege (Wetterschutz) Entlang des begrünten Innenhofs führt ein Leitsystem in die multifunktionalen, flexibel nutzbaren Produktionshallen für Montage, Lager / Logistik, Spritzguss und Kaltlager. Die Versorgung der Produktionsanlagen erfolgt aus dem westlich der Hallen gelegenen Technikgebäude. Hier sind Sprinklerzentrale, Druckluftzentrale, Heiz- Kühlzentrale, Strom- und Notstromversorgung sowie IT-Infrastruktur untergebracht. Technik- und Produktionsgebäude sind über eine Medienbrücke verbunden. Eine Erweiterungsfähigkeit der Technikbereich wurde zu Beginn berücksichtigt. Personenverkehr und Lieferverkehr sind durch separate Zufahrten voneinander getrennt. Um die Sicherheit im Bereich der Ladezonen zu erhöhen wurde der Verkehrsfluss als Einbahnstraße mit separater Ausfahrt ausgerichtet.

Ökonomie
Die Produktionsbereiche wurden in einem kompakten Baukörper mit unterschiedlichen Raumhöhen realisiert, um die Fassadenabwicklung gering zu halten. Im Bürogebäude sind neben 250 Büroarbeitsplätzen auch eine Betriebsrestaurant und die zentralen Sozialräume untergebracht, um zusätzliche Baukörper zu vermeiden. Durch die Verwendung von üblichen industriellen Materialien (Trapezblech, Betonfertigteilen Standardmaße etc.), und lokales Sourcing wurden Kosten und Transportwege geringgehalten. Der Materialkatalog wurde auf wendige, wenn möglich natürliche, Materialien beschränkt.

Konstruktion
Das am Standort vorhandene Knowhow für Betonfertigteilbau ermöglichte die engen Kosten- und Terminziele für das Tragwerk einzuhalten. (Raster 6m x 6m bis 12m x 24m). Die Fassaden sind aus standardisierten Stahlkassetten, mineralischer Dämmung und Trapezblechen konstruiert. Dadurch wurden Beschaffungs-, Instandhaltungs- und Rückbaukosten niedrig gehalten. Die Fassade des Bürogebäudes besteht aus Holzrahmenelementen. Auch hier wurden Trapezbleche für die Aussenschale verwendet. Die Dächer der Produktionshallen bestehen aus Trapezblechen, mineralischer Dämmung und einer TPO Dachbahn (PVC frei). Auf dieser sind fast 6000 PV-Module befestigt. Alle anderen Dächer sind als extensive Gründächer ausgebildet.

Brandschutz
Die gesamte Tragstruktur und die Gebäudehüllen sind nicht brennbar (A1) und tragen somit in hohem Maße zur Resilienz der Gesamtanlage bei. Alle Gebäude sind mit einer Sprinkler – Anlage nach FM (Global) Richtlinien ausgestattet. Durch die Umsetzung weiterer Maßnahmen zum vorbeugenden Brandschutz sowie gegen den Einfluß von Elementarereignissen konnte der höchste Versicherungsstandard erreicht werden: Highly Protected Risk Status FM.

Gebäudetechnik
Auf Fossile Energieträger wurde konsequent verzichtet und ausschließlich nachhaltige Energieerzeugung vor Ort implementiert.
Geothermie Anlage
Das Bürogebäude wird über eine Geothermie Anlage beheizt und gekühlt. Die drei Wärmepumpen, mit jeweils 140kW thermischer Leistung, werden aus 82 Geothermie – Sonden, mit einer Gesamtlänge von 10.000m, mit Erdwärme versorgt. Durch Wärmeverteilung über Fußbodenheizung wird eine hohe thermische Behaglichkeit erreicht. Alle Lüftungstechnischen Anlagen, Kompressoren und Prozesswasseranlagen sind mit Wärmetauschern zur Wärmerückgewinnung ausgerüstet.
PV-Anlage
Die Gebäude, die Produktionsanlagen und Logistikfahrzeuge werden durch eine 2,55MW PV-Anlage versorgt. Durch Tageslichtintegration über Fenster und Oberlichter mit sensorischer Zuschaltung künstlicher Beleuchtung nach Bedarf wird der visuelle Komfort an den Arbeitsplätzen erhöht und Lebenszykluskosten der Leuchtmittel reduziert. E-Mobilität für Bus, PKW und Fahrrad wurde vorinstalliert. Das Projekt wurde von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) mit dem Gold Status zertifiziert.

Nachhaltigkeit
Im Sinne der Kreislaufwirtschaft wurden Materialien und Fügetechniken verwendet die eine spätere Rückbaubarkeit, Materialtrennung und Wiederverwendung ermöglichen. Auf Verbundwerkstoffe wurde weitgehend verzichtet. Durch die hohe Qualität der Gebäudehülle (Fassaden, Dächer, Fenster, Tore und Ladebrücken) wurden neben dem Heiz- und Kühlbedarf auch die Lebenszykluskosten im Vergleich zu Standardausführungen deutlich reduziert. Verschiedene Arbeitsbereiche wurden thermisch abgekoppelt. (z.B. Schnelllauftore)

Biodiversität
Auf dem Gelände wurde auf 6000m² ein Bestand alter Mirabellenbäume erhalten. Dieser diente während der Bauzeit als Schutz- und Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Die Bäume wurden in das Grünflächenkonzept integriert und stellen heute eine wertvolle Rückzugszone im Gewerbepark dar. Eine weitere Fläche wurde mit ortstypischen Sträuchern und Bäumen neu angelegt und fördert durch Art und Ausprägung die Biodiversität auf dem Gelände. Beide Flächen sind über die weiteren Aussenanlagen und Gründächer verbunden. Es wurden neben Rasenflächen auch Strauchflächen sowie 250 Büsche und 250 Bäume gepflanzt. Der gesamte Mutterboden verblieb auf dem Gelände. Das Regenwasser wird in zwei Rückhaltebecken gesammelt und für die Bewässerung der Grünanlagen genutzt. Weiter leisten die 4100m² großen Gründachflächen einen wichtigen Beitrag zum Wasserhaushalt, Microklima und für die Biodiversität der Gesamtanlage.

Standortqualität
Mit der sensiblen Innenarchitektur der Büro- und Aufenthaltsbereich wurde ein visueller, thermischer, und akustische Komfort erreicht, der die lokalen Standards weit übertrifft. Zusammen mit aktiv nutzbaren Aussenanlagen und der Aussenwirkung des Standorts entstand für alle Mitarbeiter eine motivierendes Arbeitsumfeld mit hohem Identifikationsgrad.