Projektdaten
| Status | Nominierung |
|---|---|
| Kategorie | Nachwuchs |
| Art der Arbeit | Bachelorarbeit |
| BetreuerIn | Prof. Sybil Kohl, Dipl.-Ing. Levin Koch |
| PrüferIn | Prof. Dipl.-Ing. Sonja Nagel |
| BearbeiterIn | Elisa Maelle Brast, Melissa Schulz |
| Studiengang/Hochschule | Universität Stuttgart, Architektur und Stadtplanung |
Vor dem Hintergrund wachsender Urbanisierung und der Herausforderungen in der Landwirtschaft untersucht das Projekt, wie bestehende Infrastrukturen zu aktiven Bausteinen einer nachhaltigen Stadtentwicklung werden können. Mit der zunehmenden Verdichtung urbaner Räume steigt auch der Bedarf an lokal produzierten Lebensmitteln. Lange Transportwege verursachen hohe Emissionen und trennen Produktion und Konsum sowohl räumlich als auch gesellschaftlich. Gleichzeitig steht die konventionelle Landwirtschaft durch enormen Flächen- und Wasserverbrauch, Monokulturen und extreme Wetterereignisse unter wachsendem Druck.
Der stillgelegte Blackwalltunnel in London, erbaut 1967, wird daher nicht als Relikt vergangener Mobilität verstanden, sondern als räumliche Ressource für eine neue Form urbaner Lebensmittelproduktion. Das Projekt reagiert damit auf die Frage, wie Städte künftig einen Teil ihrer Versorgung selbst übernehmen können.
Pilze übernehmen dabei eine zentrale Rolle. Sie benötigen kaum Fläche, wachsen ohne Tageslicht und können auf organischen Reststoffen kultiviert werden, die in der Stadt ohnehin anfallen. Angesichts sich wandelnder Ernährungsgewohnheiten, mit einem zunehmenden Fokus auf vegetarische und vegane Ernährung, gewinnen Pilze zudem als nährstoffreiche Fleischalternative immer mehr an Bedeutung und werden so zu einem wichtigen Bestandteil zukünftiger Ernährungssysteme.
Die spezifischen Bedingungen des Tunnels, wie Dunkelheit, konstante Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit, schaffen ideale Voraussetzungen für eine kontrollierte Pilz- und Myzelzucht. Der unterirdische Raum wird zum „Myzel der Stadt“, einem unsichtbaren Netzwerk, das Stoffkreisläufe schließt und organische Abfälle in Nahrung umwandelt.
Zusätzlich reduziert die Nutzung vorhandener Infrastruktur Baukosten und Flächenversiegelung erheblich. Gleichzeitig liegen Produktion, Verarbeitung und Vertrieb nah beieinander, wodurch Transport-, Kühl- und Logistikaufwand sinken.
Die Pilzproduktion ist als durchgehender, weitgehend automatisierter Prozess organisiert. Der Tunnel wird nicht als einzelner Produktionsraum verstanden, sondern als lineares System, das den biologischen Ablauf der Pilzzucht räumlich abbildet. Der südliche Tunneleingang auf der Greenwich Peninsula dient als Produktionsstartpunkt. Hier erfolgen Substratanlieferung, Vorbereitung und Beimpfung mit Myzel. Der nördliche Tunneleingang fungiert als Ausgang für Ernte, Weiterverarbeitung und Verteilung. Diese klare Trennung erzeugt eindeutige Materialflüsse, erhöht Hygiene und Effizienz und bindet die Produktion direkt an die urbanen Versorgungsstrukturen Londons an.
Die Produktion erfolgt in maßgefertigten Modulen. Diese sind nicht fest mit dem Tunnel verbunden, sondern als eigenständige Einheiten konzipiert. Ein internes Schienensystem führt die Kulturen durch die einzelnen Module. Dieses Prinzip ermöglicht hohe hygienische Standards, unterschiedliche Klimazonen sowie Wartung, Austausch und Erweiterung, ohne den gesamten Tunnelbetrieb zu beeinträchtigen. Der Tunnel fungiert als übergeordnete Infrastruktur, während die eigentliche Produktion flexibel und anpassbar bleibt.
Über die bestehenden Ventilationsschächte, erbaut von Terry Farrell, wächst das Projekt vertikal in den Stadtraum. Sie werden erhalten und als Schnittstellen zwischen Produktion, Technik und Öffentlichkeit neu interpretiert.
Der südliche Schacht, eingebettet in den O2 Dome, fungiert als technisches und laborbezogenes Zentrum. Der nördliche Schacht im Umfeld von Wohnhäusern öffnet sich zur Stadt und macht die Produktion öffentlich erlebbar – mit Café, Restaurant und Pilzbar als direkte Schnittstelle zwischen Kultivierung und Konsum. Das Pilzcafé wird so zum sichtbaren „Fruchtkörper“ des Projekts, während die eigentliche Produktion im Verborgenen bleibt. Diese Neuinterpretation der Funktion wird durch ein neu entwickeltes Lüftungskonzept ermöglicht. Da der größte CO₂-Ausstoß bei der Pilzproduktion während der Durchwachsphase entsteht, sind auf der Hälfte des Tunnels sowohl Abluft- als auch Frischluftschächte in Betrieb. Auf der anderen Hälfte sinkt der CO₂-Ausstoß erheblich, sodass die Abluftschächte im Ventilationsschacht entfernt oder teilweise umgenutzt werden können.
Der entwerferische Fokus liegt auf einer ruhigen, einladenden Atmosphäre des Pilzcafés. Robuste, vertraute Materialien, klare Raumstrukturen und ein offener, entdeckbarer Grundriss sollen Hemmschwellen abbauen und den Ort als selbstverständlichen Teil des städtischen Alltags etablieren. Der Grundriss arbeitet mit verschiedenen Ebenen und leichten Höhenversprüngen. Sitzbereiche, Bar, Showküche und Aufenthaltszonen sind räumlich miteinander verbunden, wodurch unterschiedliche Situationen entstehen. Zentral ist die große, freigelegte Raumhöhe des ehemaligen Ventilationsschachts, die erst durch die Neuorganisation des Belüftungssystems ermöglicht wurde.
Die Materialwahl unterstützt die räumliche Idee des Projekts. Bestehende Beton- und Ziegelstrukturen werden aufbereitet und bewusst sichtbar belassen, um den Ort in der Londoner Baukultur zu verankern. Ergänzt werden sie durch warme, natürliche Materialien wie Holz und textile Oberflächen, die einen Kontrast zur industriellen Bestandsstruktur bilden und eine einladende Atmosphäre schaffen.
Ein landschaftlich gestalteter Park als urbaner Wald ergänzt das Ensemble und übersetzt den biologischen Ursprung des Projekts in einen zugänglichen Stadtraum. Architektur, Produktion und Ökologie werden hier nicht getrennt gedacht, sondern als zusammenhängendes System verstanden.
The MushRoom begreift Architektur als lebendigen, anpassungsfähigen Prozess. Durch modulare Einbauten kann die Produktion flexibel erweitert, reduziert oder vollständig zurückgebaut werden, ohne die bestehende Struktur zu verändern. Die Infrastruktur bleibt erhalten, während sich ihre Nutzung wandelt.
So wächst das Projekt wie ein Pilz aus dem Verborgenen heraus. Es verwandelt ungenutzte Räume in produktive Organismen und zeigt, wie Städte durch die Reaktivierung vorhandener Strukturen resilienter, nachhaltiger und unabhängiger werden können.





