Projektdaten
| Kategorie | Realisierte Bauwerke |
|---|---|
| BauherrIn | MAGURA Bosch Parts & Services GmbH & Co. KG |
| PlanerIn | Sonnentag Architektur GmbH |
| Fertigstellung | 06.2023 |
| Ort | Nürtingen |
| Weitere Projektbeteiligte | Generalplaner Sonnentag Architektur GmbH |
| Bildnachweis | Sonnentag Architektur GmbH |
Auf rund 10.000 m² Bruttogeschossfläche ist eine Arbeitswelt für zunächst etwa 200 Mitarbeitende entstanden, die Verwaltung, Service und Logistik unter einem Dach vereint und die zentralen Prozesse des Unternehmens räumlich neu ordnet. Die Bauherrschaft – spezialisiert auf den Service und After Market von E-Bike-Komponenten und Partner von über 20.000 Fachhändlern in Europa – formulierte hohe Anforderungen an Nutzungsflexibilität, betriebliche Effizienz und zukunftsfähige Erweiterbarkeit.
Der Entwurf beantwortet diese Anforderungen mit einer modularen Struktur: Tragwerk, Erschließung und technische Infrastruktur sind so organisiert, dass die Kapazität auf bis zu 400 Mitarbeitende erhöht werden kann, ohne die funktionale und konstruktive Grundlogik zu verändern. Großzügige Spannweiten, weitgehend stützenfreie Zonen und klar definierte Installationskorridore ermöglichen unterschiedliche Büro-, Service- und Logistiklayouts innerhalb desselben Gebäudes.
Das Gebäude ist alles andere als eine konventionelle Logistikhalle. Es ist ein hochwertiger Unternehmenssitz, der vom CEO-Arbeitsplatz bis zur Technikzentrale, vom Empfang bis zur Laderampe denselben Anspruch an Qualität, Material und Atmosphäre stellt. Robuste, langlebige Materialien, präzise Detaillösungen und klar ablesbare Strukturen bilden die Grundlage der Architektur.
Die Wegeführung trennt logistische und repräsentative Abläufe klar voneinander: Der Logistikbereich mit den Laderampen ist maximal vom Haupteingang entfernt, wodurch Anlieferung, Warenströme und Besucherwege sauber entkoppelt werden. Das Gebäude ist so gegliedert, dass der Eingang im Gelenk des Baukörpers liegt: Von hier aus öffnet sich zunächst der Verwaltungsbereich mit den Zonen für Verpackung und Versand, bevor man in den zweigeschossigen Logistikbereich gelangt.
Die Fassade besteht aus unregelmäßig gekanteten Designtrapezblechen, die zu horizontalen Bändern zusammengefasst sind und Logistik- und Verwaltungsbereiche zu einem klar lesbaren Baukörper verbinden. Dieses Fassadenband gliedert das Volumen, gibt dem Gebäude trotz großer Länge Maßstab und Tiefe und lässt die industrielle Anmutung präzise erscheinen. Im Eingangsbereich wird das System bewusst durchbrochen: Ein mehrgeschossig überdeckter Einschnitt markiert den Gelenkpunkt des Baukörpers, nimmt den Haupteingang auf und führt in eine zweigeschossige Lobby mit großzügiger Treppe als räumlichem und adressbildendem Mittelpunkt.
Im Inneren entstehen helle, freundliche und produktionsnahe Arbeitswelten, in denen sich Mitarbeitende wohlfühlen. Offene Büroflächen, eingestellte Meeting-Cubes und transparente Kommunikationszonen schaffen eine lebendige, moderne Arbeitsatmosphäre. Der zweigeschossige Eingangsbereich empfängt Mitarbeitende und Besucher mit Großzügigkeit und bietet Sichtbezüge in unterschiedliche Funktionsbereiche. Eine Mensa mit Außenbereich im Erdgeschoss macht das Haus zum alltäglichen Treffpunkt; ein multifunktionaler Schulungsraum im Obergeschoss dient internen Formaten und Partnerveranstaltungen. Oberlichter minimieren Dunkelzonen und sorgen auch in der Logistik für natürliches Tageslicht und räumliche Orientierung. Gleichzeitig bleibt der Logistikbereich durch seine zweigeschossige Ausformung und die klaren Regalachsen hoch effizient und flexibel organisierbar.
Integriertes Energiekonzept: Drei Säulen, ein System
Das Herzstück des Projekts ist ein integriertes Energiekonzept, das auf drei sich gegenseitig verstärkenden Säulen beruht: Geothermie, hybride Lüftung und Photovoltaik. Die Temperierung des Gebäudes erfolgt auf Basis von thermischer Energie aus dem Erdreich und Strom aus der Sonnenenergie. Die Erdwärmepumpe arbeitet ausschließlich mit diesen beiden Energieträgern und hebt mit der Sonnenenergie die aus der Erde kommenden Vorlauftemperaturen von 8°C auf 26°C für die Versorgung der Heiz- und Kühlanlage an. Im Sommer erfolgt der Prozess umgekehrt als Kühlsystem. Das Ergebnis ist ein Gebäude, das weitgehend autark funktioniert, die Ressourcen seiner Umgebung intelligent nutzt und damit für die Energiewende im Industriebau steht.
Geothermie:
Ein Sondenfeld aus 96 Erdwärmesonden, jeweils über 130 Meter tief, bildet die thermische Grundlage des Gebäudes. Im Winter erfolgt die Beheizung, im Sommer die Kühlung über dasselbe System. Der simultane Heiz- und Kühlbetrieb stellt ein langfristiges Industriebaupreis 2026 Magura Bosch Parts & Services, Nürtingen geothermisches Gleichgewicht im Erdreich sicher und schützt so die Ressource dauerhaft. Die Anlage versorgt das Gebäude ohne fossile Primärenergie, reduziert die Betriebskosten nachhaltig und macht das Gebäude in seiner thermischen Grundversorgung von externen Energieträgern unabhängig.
Hybride Lüftung:
Das Lüftungskonzept nutzt intelligent die natürliche Umgebung des Gebäudes: Ein maßgeschneidertes System kombiniert sensorgesteuerte, motorisch betriebene Fensterlüftung mit einer mechanischen Anlage als Rückfallebene. Vorrang hat stets die natürliche Belüftung und die gezielte Nachtauskühlung über die Fassade sowie passive Tagesauskühlung, die den sommerlichen Kühlbedarf erheblich reduzieren. Zusätzlich unterstützen Oberlichter mit Lamellenfenstern die natürliche Querlüftung im Sommer. Eine thermische Gebäudesimulation belegt, dass die mechanische Lüftungsanlage an weniger als 50 % der Betriebszeiten benötigt wird. Damit entfällt mehr als die Hälfte des konventionellen Lüftungsenergiebedarfs vollständig. Das Gebäude atmet und reagiert auf seine Umwelt, statt sie zu belasten.
Photovoltaik:
Mit einer Photovoltaikleistung von 550 kWp wird das Dach zum eigenen Kraftwerk. Das Gebäude produziert einen Großteil seines Stroms selbst und setzt damit einen neuen Maßstab für zukunftsweisende Industriearchitektur. Damit schließt sich der lokale Energiekreislauf. Der erzeugte Strom wird überwiegend direkt im Betrieb genutzt und senkt die Abhängigkeit vom öffentlichen Netz auf ein Minimum.
Ökonomie, Flexibilität und Nachhaltigkeit
Die ökonomische Stärke des Gebäudes liegt nicht allein in den reduzierten Energie- und Betriebskosten, sondern in seiner strukturellen Weitsicht. Robuste, langlebige Materialien, einfache Detaillösungen und klar ablesbare Strukturen unterstützen eine lange Nutzungsdauer und ermöglichen Umnutzungen ohne tiefe Eingriffe in die Konstruktion. Die technische Infrastruktur ist ebenso zoniert wie skalierbar und weitere Ausbauten sind mit überschaubarem Aufwand realisierbar. Das Projekt wurde dabei in Anlehnung an das Anforderungsprofil der DGNB-Kriterien geplant und realisiert.
In einer Zeit, in der Klimawandel, Energiekrise und schwindende Ressourcen den Druck auf die gebaute Umwelt erhöhen, macht dieses Gebäude Nachhaltigkeit zum integralen Entwurfsprinzip. Es zeigt, dass höchste architektonische Qualität und konsequente ökologische Verantwortung kein Widerspruch sind. Dass ein Industriebau gleichzeitig ein Ort sein kann, an dem Menschen gerne arbeiten, und ein System, das seine eigene Energie erzeugt und dass die Energiewende im Industriebau nicht auf das Wesentliche verzichten muss – qualitätvolle Architektur.




