Transformationsräume: RE:FOOD RE:WINE

Projektdaten

StatusNominierung
KategorieNachwuchs
Art der ArbeitBachelorarbeit
BetreuerInDipl.-Ing. Alexander Lenk, Architekt
PrüferInUniv.-Prof. Dr. Christian Stoy, Prof. Dipl.-Ing. Martina Bauer
BearbeiterInJulia Siesmann, Charlotte Schink, Debora Petrova, Florin Voh
Studiengang/HochschuleUniversität Stuttgart, Architektur und Stadtplanung

Die industriellen Bestandsgebäude sind geprägt von robusten Tragwerken, großen Raumvolumen und einer hohen räumlichen Qualität, die jedoch bislang ungenutzt bleibt. Die Lage im Tal, die Nähe zu landwirtschaftlichen Strukturen und die Einbettung in das bestehende Ortsgefüge eröffnen die Chance, das Areal nicht als Problemzone, sondern als räumliche Ressource zu aktivieren.

Potenziale

Die Transformation stützt sich auf vier zentrale Potenzialfelder.

  • Räumlich: Die Topografie und die Öffnung zum Landschaftsraum ermöglichen neue Wege, Blickbeziehungen und Aufenthaltsqualitäten.
  • Strukturell: Die Vielfalt der Gebäude erlaubt flexible Grundrisse, schrittweise Entwicklung und eine hohe Anpassungsfähigkeit.
  • Programmatisch: Forschung, Produktion, Gastronomie, Bildung und Öffentlichkeit lassen sich zu einem systemischen Nutzungsmodell verknüpfen.
  • Ökonomisch: Nutzungsmischung, Synergien und ein klarer thematischer Fokus schaffen ein langfristig stabiles, risikoarmes Geschäftsmodell.

Räumliches Prinzip: Zwei Achsen

Der Entwurf basiert auf zwei überlagerten Systemen, die das Quartier strukturieren und programmatisch tragen.

  • Vertikale Forschungs- und Innovationsachse: Sie bündelt Food-Forschung, Materialentwicklung, Sensorik und Kreislaufwirtschaft. Hochschulkooperationen und Forschungspartner verankern Innovation dauerhaft am Standort und machen wissenschaftliche Arbeit räumlich sichtbar.
  • Horizontale öffentliche und soziale Achse: Markthalle, Supermarkt, Gastronomie, Bildung und Ausstellung verbinden Alltag, Begegnung und regionale Identität. Die Achse schafft Öffentlichkeit, Frequenz und Zugänglichkeit und macht das Quartier in der Region verankert.

Erst in der Überlagerung beider Achsen entsteht ein Ort, der Wissensproduktion, Alltag und regionale Wertschöpfung miteinander verschränkt.

Städtebauliche Transformation

Die lineare Industriefigur wird in klar gegliederte Teilräume überführt. Präzise gesetzte Zugänge, neue Querungen und die Öffnung zum Landschaftsraum binden das Areal in das Ortsgefüge ein. Die Hauptstraße wird zum adressbildenden Rückgrat umgestaltet und nicht länger als reiner Transitraum verstanden. Zusätzlich wird die Landesstraße transformiert: Ein Kreisverkehr entschleunigt den Verkehr und schafft eine Zone, in der Fußgänger Vorrang haben und die bisherige Barriere verschwindet. Aktivierte Erdgeschosszonen, Höfe und öffentliche Räume schaffen ein Quartier, das als Arbeitsort, alltäglicher Treffpunkt und Wochenendmarkt gleichermaßen funktioniert.

Nutzung & Programm

Re:Food, Re:Wine setzt auf eine klare thematische Ausrichtung: Ernährung, Innovation, regionale Produktion und Kreislaufwirtschaft. Diese Schärfung zieht zielgerichtet Start-ups, Forschungsinstitutionen, Produzenten und gastronomische Akteure an. Unterschiedliche Mietlogiken – Pop-ups, flexible Gewerbeflächen, langfristige Ankermieter– vermeiden strukturellen Leerstand.

Der Standort funktioniert als vernetztes System: Stoff-, Wissens- und Besucherströme verstärken sich gegenseitig und machen das Areal resilient gegenüber Marktveränderungen oder Akteuren-Wechseln. Kreislaufwirtschaft als ökonomisches und räumliches Rückgrat Die Kreislaufwirtschaft bildet das Herz des Quartiers. Traubentrester, Nebenprodukte und biogene Reststoffe durchlaufen einen sichtbaren Kreislauf aus Analyse, Weiterverarbeitung und Rückführung in Gastronomie, Markthalle und Forschung. Dieses Modell erzeugt kurze Wege, geringe Transportkosten und schnelle Abstimmungen zwischen Akteuren. Die Struktur führt zu einem stabilen Einnahmenmodell: Mieter profitieren von gemeinsamen Ressourcen, Innovationszyklen verkürzen sich, Förderfähigkeit steigt und Synergien bleiben selbst bei Mieterwechsel bestehen.

Kreislaufwirtschaft ist hier nicht nur Inhalt, sondern räumlich erfahrbares Prinzip – und der zentrale Treiber wirtschaftlicher Stabilität.

Gestalt & Identität

Die architektonische Haltung folgt dem Prinzip des Weiterbauens: Die heterogenen Bestandsgebäude bleiben sichtbar und werden über eine modulare Fassadenebene zu einem Ensemble zusammengeführt. Transparente und transluzente Elemente, recyceltes Glas, Begrünung und PV-Module bilden ein wiedererkennbares Motiv, das die unterschiedlichen Nutzungen lesbar macht. Teile der Fassade sind als verschiebbare Elemente gestaltet, die als flexible Verschattung dienen und die räumliche Nutzung unterstützen. Die Modularität der Fassadenstruktur ermöglicht zudem eine phasenweise Umsetzung – je nach verfügbarer Investitionskraft kann die Fassadenebene schrittweise ergänzt oder erweitert werden. So entsteht ein Quartier, das seinen industriellen Charakter bewahrt und zugleich Offenheit, Zukunftsfähigkeit und eine klare Identität vermittelt.

Phasenweise Entwicklung als Risikomanagement

Die Transformation erfolgt in vier abgestuften Phasen:

  • Phase 1 – Übergang & Aktivierung
    Minimale Eingriffe, Öffnung leerer Flächen, teilweise temporäre Nutzungen, erste öffentliche Formate. Geringe Investitionen, frühe Frequenz und erste Einnahmen.
  • Phase 2 – Vollvermietung & Stabilisierung
    Mit dem Auszug der Bestandsnutzer werden alle Flächen aktiviert. Markthalle, Gastronomie und öffentliche Angebote schaffen eine stabile Nutzungsbasis und wirtschaftliche „schwarze Null“.
  • Phase 3 – Qualitative Aufwertung
    Gezielte Investitionen in Neubauten, Brücken, medizinische Nutzungen oder ergänzende Programme erhöhen die räumliche Qualität und erweitern die vermietbaren Flächen.
  • Phase 4 – Außenraum & langfristige Wertsteigerung
    Gestaltung von Freiräumen, Plätzen und Wegeführungen steigert Aufenthaltsqualität und Frequenz und stabilisiert langfristig die Mietstruktur.

Die Etappierung macht das Projekt flexibel und robust – ein lernender Prozess, der räumliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung ausbalanciert.

Fazit

Re:Food, Re:Wine transformiert ein industrielles Erbe in ein identitätsstiftendes, zukunftsfähiges Quartier. Die präzise Weiterentwicklung des Bestands, die Verknüpfung von Forschung, regionaler Produktion und Öffentlichkeit und die klare Entwicklungslogik schaffen einen Ort mit langfristiger Stabilität, räumlicher Qualität und gesellschaftlicher Relevanz – ein Quartier, das funktioniert, weil es auf Synergien statt Austauschbarkeit setzt.