Projektdaten
| Kategorie | Nachwuchs |
|---|---|
| Art der Arbeit | Masterarbeit |
| BetreuerIn | Vertr.-Prof. Markus Vogl |
| PrüferIn | Prof. Dipl.-Ing. Martina Bauer |
| BearbeiterIn | Rebecca Scheeff, Nadine Bunge |
| Studiengang/Hochschule | Universität Stuttgart, Architektur und Stadtplanung |
Der geplante Masterplanbereich umfasst rund 15 Hektar des ursprünglich insgesamt etwa 60 Hektar großen Zechegeländes. In der Auseinandersetzung mit dem historischen Areal treten drei zentrale Elemente besonders hervor: solitäre Bauwerke, markante Höhenpunkte sowie die historische Schachthalle unter dem 58 m hohen Doppelbock (Fördergrüst). Diese historischen Bausteine bilden den Ausgangspunkt der städtebaulichen Neuordnung.
Dort, wo einst die Gleisanlagen die Förderwägen zu ihrer nächsten Station brachten, verlaufen künftig die Haupterschließungsachsen des Campus. Sie fungieren als eine Art Filter, die vom bereits existierenden Gewerbepark, über den Forschungsbereich bis hin zum Kulturbereich, zum urbanen Bereich des Campus und schließlich zur bestehenden Wohnbebauung von Derne führt. Gleichzeitig strukturieren sie das Areal und verbinden die bislang getrennten Ortstile Derne.
Die historischen baulichen Relikte der Zeche bilden gemeinsam mit dem bereits realisierten Landschaftspark die Kulturmeile. Die Schachthalle des Tomson-Bock wird zur neuen Veranstaltungshalle mit Veranstaltungsplatz und bildet die neue Mitte von Derne. Das Doppelbockgerüst wird durch ein Museum und einer Aussichtsplattform wieder erlebbar gemacht. Ergänzt wird die Kulturmeile durch eine Sporthalle, ein Vereinshaus mit Jugendtreff sowie eine Expo zum Thema Wasserstoff mit direkter Anbindung an den Bahnhof Derne.
Im Zentrum des Campus befinden sich die Institutsgebäude der angewandten Forschung mit Fablab, Mensa, Bibliothek und School-Lab. Angrenzend liegt der Bereich der Wasserstoffproduktion und Produktionshalle von Elektrolyseuren, Werkhof und Tankstelle. In der urbanen Spange sind Start-ups, Büroflächen und Dienstleistungen untergebracht; in den oberen Geschossen der Baukörper entsteht Wohnraum, der die Mischnutzung des Quartiers stärkt.
Das Alleinstellungsmerkmal des Entwurfs liegt in der unmittelbaren räumlichen Kopplung von Produktion, Forschung, öffentlicher Wissensvermittlung und Wohnen an einem historisch geprägten Energieproduktionsstandort. Bestehende Strukturen werden nicht überformt, sondern als ordnendes Gerüst weiterentwickelt.
Die Zukunft des Wasserstoffs im Ruhrgebiet ist eng mit seiner historischen Rolle als Zentrum der deutschen Schwerindustrie verknüpft. Die vorhandene Infrastruktur ehemalige Zechengelände bietet ideale Voraussetzungen für die Wasserstoffproduktion und -nutzung zur Dekarbonisierung industrieller Prozesse, insbesondere in der grünen Stahlherstellung. Zugleich verfügt die Region mit Institutionen wie der Ruhr-Universität Bochum und der TU Dortmund über starke wissenschaftliche Akteure, die maßgeblich zur Entwicklung zukunftsfähiger Wasserstofftechnologien beitragen. Auch wirtschaftlich nimmt Dortmund eine zentrale Rolle ein – unter anderem durch Unternehmen wie Thyssenkrupp Nucera.
Der geplante Forschungscampus greift dieses regionale Potenzial auf und übersetzt es in ein konkretes räumliches Konzept. Auf dem Campus soll grüner Wasserstoff durch Elektrolyse direkt vor Ort produziert werden. Die Elektrolyseanlage soll ihren Strom ausschließlich aus regenerativen Energiequellen wie Photovoltaik beziehen. In einer Entfernung von etwa 1,5 Kilometern befindet sich ein rund 4,5 Hektar großer Solarpark, von dem ein Teil des benötigten Stroms bezogen werden kann. Der produzierte Wasserstoff kann entweder gespeichert oder über ein internes Leitungsnetz auf dem Campus verteilt werden. So dient er sowohl der Energieversorgung einzelner Gebäude als auch der Campusmobilität und ersten Wasserstofffahrzeugen. Die auf den Gebäudedächern installierten Photovoltaikmodule
liefern zusätzlich elektrische Energie zur Unterstützung der Warmwasseraufbereitung.
STÄDTEBAULICHE „IST-SITUATION“ – INSELLAGE
Im ersten Realisierungsbereich des Campus besteht die Möglichkeit, die Hochschul- und Institutsbauten der angewandten Forschung vollständig zu realisieren. Darüber hinaus können auch die Mensa, die Bibliothek und das School-Lab erfolgreich umgesetzt werden. Die Kulturmeile ist nahezu vollständig realisierbar, wodurch die neue Mitte von Derne frühzeitig etabliert werden kann.
Diese phasenweise Realisierbarkeit stellt einen wesentlichen ökonomischen Vorteil dar, da bereits in einer frühen Bauphase identitätsstiftende öffentliche Nutzungen aktiviert werden können, während weitere Entwicklungsbausteine flexibel ergänzt werden. Dies umfasst die Sporthalle mit einem kleinen Fußballplatz, das Vereinshaus, die Veranstaltungshalle, den neuen Veranstaltungsplatz sowie das Museum Gneisenau. Ein Teil der urbanen Spange könnte bereits umgewandelt werden, um einen komfortablen Zugang für Besucher zu schaffen, die mit der Bahn oder dem Auto anreisen. An diesem Punkt befindet sich auch ein erster Mobility Hub.
MUSEUM GNEISENAU
Die architektonische Ausarbeitung dieses Entwurfs konzentriert sich auf den Riegel, der an die ehemalige
Schachthalle erinnert, in der sich der Wagenumlauf und die Sieberei befanden. Dieser stark horizontal ausgerichtete Baustein beeinflusste maßgeblich die städtebauliche Entwicklung des neuen Forschungscampus Gneisenau. Aufgrund des starken Bezugs zum ehemaligen Zechenareal und seiner zentralen Position im Campusgeflecht soll dieser Baustein eine museale Funktion übernehmen, um an die geschichtsträchtige Kultur dieses Ortes zu erinnern. Zudem soll er dazu beitragen, den Doppelbock erlebbar zu machen. Im Entwurfsprozess wurde die Architektur und Konstruktion der historischen Schachthalle eingehend analysiert. Daraus ergab sich der Anspruch, die architektonische und konstruktive Einfachheit sowie den industriellen Charakter wieder aufzugreifen. Die Entscheidung fiel daher auf eine nach außen gelegte Stahlrahmenkonstruktion und Stahlbinder, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden und gleichzeitig das „rohe“ und industrielle Erscheinungsbild zu erreichen. Auch die Kreuzung des horizontalen Baukörpers und des vertikal strebenden Fördergerüsts und dessen Erschließung forderte eine einfache konstruktive Lösung, um weitere Verschneidungen zu vermeiden.
Das Museum teilt sich in vier Ausstellungsbereiche: „Unter Tage“, „Über Tage“, eine Außenausstellung sowie eine Wechselausstellung. Das Highlight ist eine Aussichtsplattform auf dem Doppelbockgerüst, die einen Blick auf den gesamten Campus bietet.
Ein wesentlicher Entwurfsparameter war die effiziente Führung der verschiedenen Besucherprofile und des internen Museumsablaufs. So ist es den Besuchern möglich, auch nur die Aussichtsplattform oder die Wechselausstellung zu besuchen. Im Erdgeschoss befinden sich das Foyer, Ticketing, ein Museumsshop und ein Café, das zum neuen Platz hin ausgerichtet ist. Über ein Atrium und eine Wendeltreppe gelangt man in den Lesebereich und Archiv, während die Außenausstellung die Maschinenhäuser des Doppelbocks einbindet. Im ersten Obergeschoss befindet sich die „Kaue“ (Garderobe) und die „Unter Tage“-Ausstellung, die durch schmale, dunkle Gänge und Boxen, die Enge und Dunkelheit der Strecke Unter Tage athmosphärischnachahmen soll. Die „Über Tage“-Ausstellung im zweiten Obergeschoss greift die Atmosphäre der ehemaligenSchachthalle auf und endet mit dem Blick auf das Tomson- Bock-Gerüst.
Die Fassade aus Cortenstahl-Streckmetall bewahrt das industrielle Erbe des Ortes und schafft transluzente Effekte. Durch den natürlichen Alterungsprozess des Materials entsteht eine rostrote Patina. Durch das Streckmetall können bestimmte Bereiche der Fassade geöffnet werden, ohne das geschlossene Erscheinungsbild zu beeinträchtigen wie beispielsweise im Bereich des Doppelbocks wird das Streckmetall fortgeführt, um dessen Struktur klar hervorzuheben. Dahinter erstreckt sich eine Fensterfront, die als Kaltraum dient. Hier löst sich das Tragwerksraster auf, um Konflikte zwischen Konstruktion und dem Fördergerüst zu vermeiden. Fassadenstützen übernehmen in diesem Bereich tragende Funktion.





