Unbuilding Bridges

Projektdaten

KategorieNachwuchs
Art der ArbeitBachelorarbeit
BetreuerInProf. Lucio Blandini, Manuela Schöneberger, Paul Hensgen
PrüferInProf. Adrien Verschuere
BearbeiterInLaura Hedrich, Nadja Brunschlik
Studiengang/HochschuleUniversität Stuttgart, Architektur und Stadtplanung

Rund 16.000 von 130.000 sind heute als sanierungsunfähig eingestuft. Der gegenwärtige Umgang mit ihnen folgt einer Strategie der Zerkleinerung: Sprengen, Zerschneiden, Trennen in Rohstoffe (Stahl, Beton), Wiederverwertung in Form von Sekundärrohstoffen. Unser Entwurf stellt diese Logik infrage. Statt Brücken als Rohstofflager zu behandeln, begreifen wir sie als. Der Fokus liegt auf der Wiederverwendung durch Umwidmung. Dies ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch architektonisch spannend: Es entsteht eine Architektur, die ihre Herkunft sichtbar macht und in ihrer Konstruktion eine neue Ästhetik entwickelt.

Der konkrete Ausgangspunkt ist die Spannbeton- Durchlaufträgerbrücke 6723559. Die Rückbaustrategie folgt dem Momentenverlauf im Träger. Die Rückbaustrategie folgt der statischen Logik der Brücke. Die Schnitte erfolgen gezielt im Momenten-Nullpunkt, um die Tragfähigkeit der Elemente zu maximieren. Es werden so wenige Schnitte wie möglich gesetzt. Die resultierenden Bauteile werden im „Bauteilkatalog“ analysiert. Maßgebend ist dabei ein Widerlagerelement, dessen Winkel identitätsstiftend für den Entwurf wird. Es wird zum tragenden Stützelement im neuen Bauwerk und bildet den charakteristischen Kragarm. Als Gegengewicht dienen abgehängte Felsen, die die Balance des statischen Systems sicherstellen.

Die Sekundärstruktur ist selbsttragend und kann somit differenziert filigraner gestaltet werden. Somit wird die Tragstruktur der Brückenbauteile inszeniert. Die thermische Hülle sitzt innerhalb der Trägerebene, sodass die Konstruktion von außen sichtbar, lesbar, erlebbar bleibt. Die Schattenfugen an den Fassaden verdeutlichen die statische Logik und die Unabhängigkeit der Elemente.

Das Gebäude steht 15 km vom Brückenstandort entfernt in Öhringen, gegenüber dem Kulturzentrum Kultura. Die lokale Verortung des Projekts minimiert Transportwege und stärkt die regionale Wertschöpfung. Durch seine Silhouette und die Ausrichtung der Sitztreppe fasst es den öffentlichen Platz zwischen den beiden Gebäuden und lädt zur Aneignung ein. Ziel war es, einen großen, flexiblen Raum im inneren zu schaffen, realisiert durch die Platzierung geschlossener Räume zwischen den Stützen. Dadurch entsteht ein weitläufiger, offener Kernraum, der für unterschiedliche Nutzungen geeignet ist: Ausstellungen, Veranstaltungen, Workshops oder öffentliche Begegnungen. Richtung Norden wird das Gebäude durch eine transluzente Polycarbonat-Fassade gefasst, die eine, atmosphärische Innenraumqualität schafft.

„Unbuilding Bridges“ ist ein Entwurf der konstruktiven Wiederverwendung: Er dekonstruiert nicht, um zu recyceln, sondern um zu rekonstruieren, wobei die Bauteile der Brücke, gezielt geschnitten und neu positioniert, als tragende, formgebende und identitätsstiftende Elemente in ein neues statisches und räumliches Gefüge überführt werden. Der Entwurf übersetzt die statische Grammatik der Brücke in ein neues konstruktives Paradigma. Das Widerlager wird zum Kragarmträger, die Felsen zum passiven Gegengewicht, die filigrane Sekundärstruktur bleibt selbsttragend, alles dient der Sichtbarmachung einer Architektur, die Material, Kraft und Historie von Infrastruktur in einer ehrlichen, nachvollziehbaren Konstruktion zusammenführt.