Projektdaten
| Kategorie | Nachwuchs |
|---|---|
| Art der Arbeit | Semesterarbeit |
| PrüferIn | Prof. Piero Bruno |
| BearbeiterIn | Kasimir von Enzberg, Miriam Riedl |
| Studiengang/Hochschule | Universität Stuttgart, Architektur und Stadtplanung |
Damit entwickelte sich das Quartier nicht nur zu einem Produktionsstandort, sondern zu einem prägenden Bestandteil der Verlagsgeschichte.
Teil des Areals ist seit 1858 das Gründerzeithaus in der Hermannstraße 14, das ursprünglich als Magazingebäude mit freiem Grundriss errichtet wurde. Im Laufe der Zeit wurde das Gebäude mehrfach umgebaut und durch verschiedene Eingriffe – wie beispielsweise die Aufstockung um zwei Geschosse – zu einem Wohnhaus umfunktioniert. Heute nutzt der Klett-Verlag das Haus für Verwaltungszwecke.
Vor diesem Hintergrund besteht die zentrale Aufgabe im sensiblen Umgang mit dem Gebäude als Teil einer langen Geschichte und Entwicklung – sowohl des Hauses selbst als auch des gesamten Areals. Zum Straßenraum hin besitzt das Haus eine denkmalgeschützte Schaufassade, deren feingliedrige Ausarbeitung die Sandsteinfassaden der umliegenden Gebäude im Stuttgarter Westen ergänzt. Ab dem ersten Obergeschoss besteht das Gebäude jedoch vollständig aus Holz – ein konstruktives Merkmal, das auf seine ursprüngliche Nutzung verweist.
Im Zuge eines erneuten Umbaus soll sich das Haus H14 stärker in das Klett-Areal und den derzeit entstehenden Klett Campus eingliedern. Geplant ist die Schaffung temporären Wohnraums für Autorinnen und Autoren in Form von Clusterwohnungen, die während ihres Aufenthalts die Möglichkeit erhalten, dort zu wohnen und zu arbeiten. Dabei greift das Konzept eine besondere städtebauliche Qualität des Stuttgarter Westens auf: die Zwischenräume der Häuserblöcke, die sogenannten Bauwiche. Diese entstanden aus den Bauordnungen der Gründerzeit und werden im Entwurf räumlich wie konzeptionell neu interpretiert.
Der Archivschrank als Wandmodul
Die Entwicklung eines Wohnclusters für Kurzzeitwohnen mit Räumen für Menschen unterschiedlicher Kulturen und Bedürfnisse stellt das Projekt vor eine komplexe Fragestellung: Wie lassen sich diese vielfältigen Anforderungen mit dem Bestand und dem Areal in Einklang bringen?
Die Antwort darauf liegt in der Konzeption eines beweglichen Wandsystems, das aus mehreren Modulen besteht und den „Zwischenraum“ – also die einzelnen Wände – zu einem aktiven Teil des Raumgefüges macht. Die Wand wird nicht mehr als statische Grenze verstanden, sondern als bespielbares Element. An die jeweilige Wohnsituation angepasst, können die Module in unterschiedliche Positionen gebracht werden und ermöglichen so vielfältige Wohn- und Gemeinschaftsräume. Jedem Raum ist ein Schrankmodul zugeordnet, das ihn funktional prägt. Unterteilt in vier Typen – zwei Wohnmodule, ein Gemeinschaftsmodul und ein Küchenmodul – stellen die Möbel je nach Bedarf die erforderliche Ausstattung bereit.
Alles kommt aus dem Möbel und kann dort ebenso wieder verstaut und verschlossen werden. Durch das Ein- und Ausräumen sowie das Verschieben der Module entsteht eine große räumliche Vielfalt, in der die Bewohnerinnen und Bewohner selbst zu Autorinnen und Autoren ihres Raumes werden.
Die Zonen des Hauses
Die Erschließung des Hauses erfolgt erstmals wieder über den geöffneten Eingang von der Hermannstraße aus. Eine mäandrierende Bewegung führt in einen Lobby- und Warteraum, von dem aus das Gebäude in einer geschwungenen Raumabfolge durchquert werden kann. Über eine neu gestaltete Eingangssituation öffnet sich das Haus schließlich zum Areal.
Der neue Eingang integriert einen Aufzug, wodurch das gesamte Gebäude barrierefrei erschlossen wird und auch das Erdgeschoss barrierefrei bewohnt werden kann. Neben barrierefreien Wohnungen befinden sich hier weitere Wohneinheiten.
Das Konzept der verschiebbaren Wände setzt sich in den Obergeschossen eins bis drei fort und ermöglicht dort anpassbare Grundrisse für unterschiedliche Bewohnerzahlen und Wohnbedürfnisse. Individual und Gemeinschaftsräume können an die Bedürfnisse und an ihre Bewohneranzahl angepasst werden. In der Gebäudemitte bilden die tragenden Wände eine Serviceschicht mit Bädern und Küchen. Dieser Kern entspricht der ursprünglichen Grundrissstruktur des Magazingebäudes und seiner inneren Tragstruktur. Durch den Kern sind die Möbel frei und doch gebunden im Raum organisiert.
Auch in der Fassade wird die innere Organisation ablesbar: Die Dreiteilung der Mittelgeschosse zeigt sich in einem Balkon, der als eigenständige Struktur asymmetrisch an der Rückseite des Hauses angebracht ist. In Erinnerung an die ehemalige eiserne Veranda wird er als neue Schicht vor das Gebäude gesetzt.
Im Detail
Die Idee flexibler Grundrisse mit verschiebbaren Wänden erfordert eine präzise Detailplanung. Ziel war eine komfortable und intuitive Nutzbarkeit, die zugleich Anforderungen an Schallschutz und technische Gebäudeausstattung erfüllt.
Dabei spielen sowohl technische Aspekte – etwa die Schallausbreitung zwischen den Zimmern – als auch die konstruktive und funktionale Ausarbeitung der Schrankmodule eine zentrale Rolle. Hier wir der Schrank sobald er fest an einem Ort steht mit einer Luftkissentechnik an die Originalstruktur angepasst, und die Schiebetüren durch Türbesen angedichtet. Im Schrank selber gibt es zudem eine 10cm dicke schalldämmende Schicht.
In der vertiefenden Bearbeitung wurde zudem der Umgang mit der Bestandsstruktur thematisiert. Neue Wände werden in ihrer Putzstruktur klar von den Bestandswänden unterschieden. An den Stellen, an denen sich früher raumteilende Wände befanden, bleiben sogenannte „Narben“ an Boden, Wand und Decke sichtbar. So wird der ursprüngliche Grundriss weiterhin lesbar gemacht und der Eingriff in die Bestandssubstanz nicht kaschiert, sondern bewusst offengelegt.
Gerade in dieser Sichtbarkeit liegt eine wesentliche Qualität des Projekts. Sie macht sowohl die Geschichte des Hauses als auch die konzeptionelle Idee nachvollziehbar. Das besondere Potenzial liegt dabei in der Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Wohnsituationen und Personengruppen sowie in der Möglichkeit, einen zusammenhängenden Raum über die gesamte Gebäudelänge zu schaffen.
In der vertiefenden Ausarbeitung wurden schließlich auch Materialität und Farbigkeit untersucht und präzise definiert, um die räumliche Atmosphäre und die Lesbarkeit des Konzepts weiter zu stärken.



