Projektdaten
| Status | Nominierung |
|---|---|
| Kategorie | Nachwuchs |
| Art der Arbeit | Semesterarbeit |
| BetreuerIn | Thea Cheret |
| PrüferIn | Prof. Dipl. -Ing Martina Bauer |
| BearbeiterIn | Benedict Selig, Jule Lea Wöllhaf, Lukas Gross, Luca Solano Bach |
| Studiengang/Hochschule | Universität Stuttgart, Architektur und Stadtplanung |
Eingebettet in eine markante Tallage zwischen See und bewaldeten Berghängen am Vierwaldstättersee und durch Bahn-, Bus- und Fähranbindung hervorragend erschlossen, befindet sich das Gebiet im Spannungsfeld zwischen dem kleinteiligen, touristisch geprägten Seeufer und den größeren, industriellen Strukturen im Norden. Umlaufende Gleisanlagen sowie die angrenzende Muota fassen das Areal räumlich und verstärken seinen eigenständigen Charakter im Stadtgefüge.
Ziel ist die Entwicklung eines durchmischten Quartiers, das als vielschichtige Schnittstelle funktioniert: zwischen Stadt und Landschaft, zwischen Wohnen und Arbeiten, zwischen neuer Quartiersbevölkerung und bestehenden Bewohner*innen von Brunnen. Die Insellage wird dabei nicht aufgelöst, sondern transformiert und als identitätsstiftende Qualität weiterentwickelt.
Das Konzept basiert auf einer klaren städtebaulichen Setzung prägnanter Baukörper und einer räumlichen Schichtung der Nutzungen. Ruhigere, landschaftsbezogene Wohnbereiche verorten sich im Westen Richtung Fluss und nutzen die hohe Aufenthaltsqualität des Naturraums. Entlang der Bahntrasse im Osten entstehen produktive Zonen mit Räumen für Forschung, Start-ups, Werkstätten und studentisches Arbeiten.
Diese funktionale Differenzierung reagiert auf die heterogene Umgebung und vermittelt zwischen Infrastruktur, Gewerbe und Wohnstrukturen. Zwischen den Baukörpern entstehen klar definierte Freiräume mit abgestufter Öffentlichkeit – vom belebten Quartierszentrum bis zu ruhigeren, flussnahen Aufenthaltsbereichen. Eingeschnittene Grünräume ziehen den westlich angrenzenden Naturraum ins Quartier hinein, schaffen Querbeziehungen, fördern die Durchwegung und binden das Flussufer als erlebbaren Freiraum in den Alltag ein.
Die bauliche Struktur orientiert sich an der Maßstäblichkeit und Heterogenität des Umfelds und ist auf eine flexible Entwicklung in mehreren Etappen ausgelegt. In einer ersten Aktivierungsphase wird das Areal durch temporäre Interventionen, Veranstaltungen und einfache infrastrukturelle Maßnahmen geöffnet.
Eine darauffolgende Aneignungsphase ermöglicht Zwischennutzungen und experimentelle Formate, in denen sich soziale Strukturen und Nutzungsmuster etablieren. Mit der Phase der Verankerung werden zentrale Bausteine wie die Kulturmaschine und ein Mobility-Hub realisiert sowie Bestandsgebäude umgenutzt und ergänzt. In einer abschließenden Entfaltungsphase erfolgt die weitere Verdichtung und bauliche Ausformulierung des Quartiers.
Der Entwurf versteht sich als robuster Rahmen für eine langfristige Transformation. Er schafft klare räumliche Strukturen, bleibt jedoch offen für Wandel und ermöglicht eine dauerhaft lebendige Nutzungsmischung, die räumlich wie funktional fest im städtischen Kontext verankert ist.
Im Areal
Der Entwurf transformiert die bestehende Industriehalle auf dem ehemaligen Zementwerkareal in Brunnen zu einem offenen, produktiven und gemeinschaftlichen Baustein des neuen Quartiers. Die Halle übernimmt dabei eine zentrale städtebauliche Rolle: Mit zwei großformatigen Toröffnungen öffnet sie sich direkt zum Quartiersplatz und schafft ein Wechselspiel zwischen öffentlichem Außenraum und innenliegender Mehrzweckhalle. Sie fungiert als räumlicher Vermittler zwischen Platz, Werkpromenade und den angrenzenden Nutzungen.
Gestaltung und räumliche Organisation
Das bestehende Stahlbetontragwerk bleibt als strukturelles Gerüst erhalten und prägt weiterhin die Identität des Gebäudes. Die rohe, industrielle Tektonik wird nicht überformt, sondern weitergebaut. Von außen wird das Tragwerk überdämmt und durch eine neue Hülle eingefasst. Ein überarbeiteter Dachaufbau bildet eine energetisch wirksame Außenschicht und verleiht dem Gebäude eine klare, zeitgemäße Silhouette.
Großzügige Öffnungen aus Profilglaselementen sorgen für eine gleichmäßige, tiefe Tageslichtversorgung und erzeugen trotz der Massivität des Bestands eine gewisse Leichtigkeit in der Fassadenwirkung. Die Giebelseiten werden als massive Wandscheiben aus Recyclingziegeln aus dem Areal ausgebildet und vor das Tragwerk gesetzt. Sie fassen die Halle räumlich und setzen einen bewussten, materialhaften Akzent. Wellblechbekleidungen greifen den industriellen Charakter des Ortes auf und interpretieren ihn in einer robusten, wiederverwendbaren Formensprache.
Im Inneren strukturieren zwei neu gesetzte Treppentürme aus Stampflehm das Volumen. Als monolithische Körper setzen sie einen haptischen und atmosphärischen Kontrast zum Stahlbetonbestand. Sie gliedern die Halle in drei klar ablesbare Bereiche: eine flexible Mehrzweckhalle im vorderen Teil, eine moderne Bibliothek sowie eine Produktionszone für die Herstellung naturbasierter Baustoffe, aktuell vor allem Stampflehm, im hinteren Abschnitt. Die Türme dienen zugleich als Orientierungspunkte und identitätsstiftende Elemente im Raum.
Funktion und Nutzung
Die Halle vereint unterschiedliche, sich ergänzende Nutzungen unter einem Dach. Die Mehrzweckhalle ist als offener, wandelbarer Raum konzipiert, der Veranstaltungen, Märkte, oder kulturelle Formate aufnehmen kann. Durch große Spannweiten und minimale innere Festlegungen bleibt sie langfristig anpassbar.
Im hinteren Bereich ist produzierendes Gewerbe vorgesehen, unter anderem die Herstellung nachhaltiger Baustoffe wie Stampflehmprodukte. In den seitlichen Hallenflügeln befinden sich ergänzende Produktionsflächen, Ateliers sowie eine Quartierswerkstatt. Entlang der sogenannten Werkpromenade, einer verbindenden Erschließungszone in Richtung Jugendherberge, öffnen sich diese Räume nach außen und ermöglichen direkte Interaktion zwischen Produktion, Handwerk und Öffentlichkeit. So entsteht ein lebendiges Gefüge aus Arbeiten, Lernen und Begegnen.
Konstruktion
Die Konstruktion folgt konsequent dem Prinzip des Weiterbauens. Das bestehende Stahlbetonskelett bleibt erhalten und dient als primäre Tragstruktur. Neu eingefügte Geschosse docken direkt an das vorhandene Tragwerk an. Punktuell werden zusätzliche Stahlträger an dem Dachtragwerk abgehängt, um größere Spannweiten und offene Raumkonfigurationen zu ermöglichen.
Die neuen vertikalen Erschließungskerne aus tragendem Stampflehm übernehmen neben der Erschließung auch aussteifende Funktionen. Innenwände werden weitgehend in Stampflehmbauweise ausgeführt, wodurch ein massiver, speicherfähiger Innenraum entsteht. Die Kombination aus Bestandsbeton, Lehm, Recyclingziegel und Stahl formuliert eine hybride, ressourcenschonende Konstruktion.
Nachhaltigkeit und Ökonomie
Das Projekt versteht den Bestand als materielle und energetische Ressource. Der Erhalt des Tragwerks bildet die Grundlage einer ökonomisch wie ökologisch sinnvollen Transformation. Die neue, gedämmte Gebäudehülle verbessert die energetische Performance nachhaltig.
Der Einsatz biobasierter Materialien wie Stampflehm sowie die Wiederverwendung von Recyclingziegeln aus dem Areal stärken den lokalen Materialkreislauf. Wellblech als robuste, potenziell wiederverwendbare Bekleidung unterstreicht den Gedanken des Re-Use. Gleichzeitig schafft die Kombination langlebiger, wartungsarmer Materialien eine wirtschaftlich tragfähige Lösung mit geringen Unterhaltskosten.
Flexibilität und Zukunftsfähigkeit
Die Halle ist als offenes Tragsystem mit klarer Primärstruktur konzipiert. Die großen Spannweiten, das additive Prinzip der eingehängten Konstruktionen und die robuste Grundstruktur ermöglichen unterschiedliche Nutzungsszenarien, sowohl kurzfristig als auch langfristig. Produktionsflächen können angepasst, Ateliers erweitert oder umgenutzt und die Mehrzweckhalle neu bespielt werden.
So entsteht ein Gebäude, das den industriellen Charakter des Ortes bewahrt und zugleich eine neue, nachhaltige Haltung des Bauens verkörper.

