Projektdaten
| Status | Nominierung |
|---|---|
| Kategorie | Nachwuchs |
| Art der Arbeit | Semesterarbeit |
| BetreuerIn | Thea Cheret |
| PrüferIn | Prof. Dipl.-Ing. Martina Bauer |
| BearbeiterIn | Benedict Selig, Jule Lea Wöllhaf, Lukas Gross, Luca Solano Bach |
| Studiengang/Hochschule | Universität Stuttgart, Architektur und Stadtplanung |
Die Anlage entwickelte sich aus einer frühen Kalkverarbeitung und wuchs über Jahrzehnte entlang der Bahnlinie und des Flussraums der Muota zu einem großmaßstäblichen Produktionskomplex. Drehrohrofen, Wärmetürme, Förderanlagen und Hallen folgten einer klaren Logik von Prozess und Effizienz und prägten den Ort bis zur Einstellung der Zementproduktion Anfang des 21.Jhdt. Nach Aufgabe der industriellen Nutzung blieb ein baulich dominantes Gefüge zurück, dessen Qualität weniger in einzelnen Baukörpern als in der Abfolge von Ebenen, Plattformen und Zwischenräumen liegt.
Städtebauliches Konzept
Das Areal befindet sich in einer landschaftlich markanten Tallage zwischen See und bewaldeten Berghängen am Vierwaldstättersee und ist durch Bahn-, Bus- und Fähranbindung gut in das überregionale Verkehrsnetz eingebunden. Städtebaulich zeigt sich ein deutlicher Maßstabswechsel: Vom kleinteiligen, touristisch geprägten Seeufer verdichtet sich die Struktur nach Norden hin zu größeren, industriell geprägten Baukörpern. Das Areal liegt in diesem nördlichen Bereich und wird durch die umlaufenden Gleisanlagen sowie der angrenzenden Muota räumlich gefasst, es wirkt wie eine Insel im Stadtgefüge. Zwischen den beiden prägenden Polen Seeufer und Bahnhof spannt sich ein heterogenes Umfeld aus Gewerbe, Freiräumen und vereinzelten Wohnstrukturen auf, das von starken Kontrasten zwischen Infrastruktur und Landschaft geprägt ist.
Der Schwerpunkt unseres Konzepts liegt auf der klaren städtebaulichen Setzung neuer Baukörper, die diese Insellage nicht auflöst, sondern transformiert. Zwei prägnante Bausteine strukturieren das Quartier: Die Kulturmaschine bildet als zentraler Ankerpunkt die identitätsstiftende Mitte und fungiert als Schnittstelle zwischen Bestand, Gleisraum und neuem Quartier. Ihre bewusste Öffnung zum Stadtraum schafft eine klare Adresse und überwindet die bisherige Abschottung. Ergänzend dazu verortet sich die Wohnstruktur Richtung Fluss und nutzt die landschaftliche Qualität des Ortes. Zwischen den Baukörpern entstehen klar definierte Plätze mit abgestufter Öffentlichkeit, vom belebten Quartierszentrum bis zu ruhigeren, flussnahen Aufenthaltsbereichen. Aktivierte Erdgeschosszonen und niederschwellige Pavillons stärken die Erdgeschossebene als sozialen Raum und fördern Begegnung und gemeinschaftliche Nutzung. Der Grünraum wird vom westlich angrenzenden Naturraum ins Quartier hineingezogen, rahmt Plätze und bindet das Flussufer als erlebbaren Freiraum in den Alltag ein.
Die Realisierung erfolgt in aufeinander aufbauenden Bauphasen, die eine schrittweise Entwicklung ermöglichen. In einer ersten Aktivierungsphase wird das Areal durch temporäre Interventionen, Veranstaltungen und einfache infrastrukturelle Maßnahmen geöffnet und belebt. Die darauffolgende Aneignungsphase schafft Raum für Zwischennutzungen und experimentelle Formate, durch die sich soziale Strukturen und erste Nutzungsmuster etablieren. In der Phase der Verankerung werden die zentralen Bausteine, insbesondere die Kulturmaschine und ein Mobility-Hub umgesetzt, Bestandsgebäude umgenutzt und baulich ergänzt. In der abschließenden Entfaltungsphase wird das Quartier weiter verdichtet und ausgebaut, sodass sich langfristig ein gemischt genutztes, identitätsstarkes Stadtquartier entwickelt, das räumlich wie funktional fest im städtischen Kontext verankert ist.
Städtebauliche Einbindung und Rolle im Stadtbild
Der bearbeitete ehemalige Drehrohrofenturm ist Teil des industriellen Gefüges des ehemaligen Zementwerks und übernimmt entlang des Flusses Muota eine prägende Rolle im Stadtraum. In direkter Nachbarschaft zur großen Werkhalle spannt ich ein schmaler, linearer Zwischenraum auf, die „Werkpromenade“, die das räumliche Rückgrat des Projekts bildet. Dieser Raum organisiert Erschließung, Öffentlichkeit und Aufenthalt und hält den industriellen Maßstab des Areals lesbar. Der Entwurf arbeitet bewusst mit den im Ort angelegten Gegensätzen. Laut und leise, groß und klein, schwer und leicht, produktiv und wohnlich stehen in unmittelbarer Nachbarschaft. Zur Halle zeigt sich der Riegel dicht und industriell geprägt, zur Flussseite öffnet er sich und reagiert auf den landschaftlichen Kontext. Stadt und Natur, Öffentlichkeit und Rückzug werden räumlich geschichtet und miteinander vermittelt.
Gestalt und räumliche Organisation
Die architektonische Gestalt entwickelt sich direkt aus der Logik des Bestands. Einschnitte sowie Vor- und Rücksprünge gliedern den langgestreckten Baukörper und reagieren auf Nutzung, Belichtung und Erschließung. Die Erschließung wird als räumliches Ereignis verstanden und prägt den Entwurf maßgeblich. Besonders die beiden Erdgeschosse greifen die industrielle Struktur auf. Vorhandene Plattformen und unterschiedliche Niveaus werden weiterentwickelt und über bestehende sowie neu ergänzte Treppen und flach geneigte Rampen miteinander verbunden. Zwischen Ufer und der Werkhalle entsteht auf verschiedenen Ebenen eine zusammenhängende Raumlandschaft, die Bewegung, Aufenthalt und Nutzung überlagert. Der ergänzte Laubengang entlang der Flussseite fungiert als Erschließung und Aufenthaltsraum zugleich. Wiederkehrende Halbkreisöffnungen belichten die Tiefe des Gebäudes und prägen die Fassadenstruktur. Die Dachfläche wird als gemeinschaftlich nutzbare Ebene aktiviert.
Nutzungskonzept und programmatische Überlagerung
Ein zentrales Merkmal des Entwurfs ist die enge Verzahnung von Forschung, Wohnen. Das Erdgeschoss wird als offener Forschungsbereich und Foyer der Jugendherberge besetzt. In die bestehende Hallenstruktur sind Labore zur Weiterentwicklung des Baustoffs Lehm integriert, ergänzt durch Showrooms und Ausstellungsflächen, die Prozesse und Anwendungen sichtbar machen. Seminarräume und Cafés fördern den Austausch zwischen Forschung, Lehre, Bewohnenden und Öffentlichkeit. Die Wohnnutzungen sind konsequent auf eine alljährliche Auslastung ausgelegt. Zeitlich komplementäre Zielgruppen werden bewusst überlagert. In den unteren Wohngeschossen ergänzen sich kurzfristige Aufenthalte von Schulklassen oder universitären Kursen mit temporärem Wohnen. In den oberen Geschossen überlagern sich Studierende während des Semesters mit Feriengästen in der vorlesungsfreien Zeit. Flexible Grundrisse ermöglichen diese Anpassungen ohne strukturelle Eingriffe.
Umgang mit dem Bestand und konstruktives Konzept
Der Entwurf begreift den Bestand als strukturelle Ressource. Die vorhandenen Stahlbetonrahmen bleiben erhalten, bleiben von außen ablesbar und werden in das neue Tragwerkskonzept integriert. Charakterprägende Elemente wie die Fächerfenster werden bewahrt und energetisch ertüchtigt. Das zwischen den Rahmen liegende Ziegelmauerwerk wird selektiv zurückgebaut und als wiederverwendbares Material in den Entwurf eingebunden. Ergänzend wird ein hybrides Stahltragwerk eingeführt: Punktuell gesetzte neue Stahlstützen unterstützen die bestehende Konstruktion. Die neuen Geschossdecken werden als über die gesamte Gebäudebreite spannende Brettschichtholzbinder ausgebildet, zwischen denen Lehmkappendecken eingelegt sind. Diese durchlaufende Tragstruktur entkoppelt Tragwerk und Grundriss vollständig und ermöglicht stützenfreie, langfristig flexible Innenräume.
Nachhaltigkeit, Flexibilität und Ökonomie
Nachhaltigkeit ergibt sich aus Weiterbauen, Materialwiederverwendung und konstruktiver Klarheit. Der Einsatz von Lehm verbindet Ressourcenschonung mit materialbezogener Forschung. Die über die gesamte Gebäudebreite spannenden Träger erlauben eine vollständige Flexibilität der Innenräume und sichern die langfristige Anpassungsfähigkeit des Gebäudes. Die Kombination aus Forschung, Wohnen und Öffentlichkeit schafft eine stabile Nutzungsmischung. Robuste Konstruktionen, einfache Details und ein reduziertes technisches Konzept tragen zur Wirtschaftlichkeit im Bau und Betrieb bei.
Gesamtidee
Das Schichtwerk wird als räumlicher und sozialer Katalysator im Gebiet verstanden. Wohnende und Forschende begegnen sich im Alltag, während die im Erdgeschoss sichtbare Forschung zum Baustoff Lehm öffentlich vermittelt wird. So entsteht ein hybrider Baukörper, der industrielle Struktur, experimentelles Bauen und Wohnen verbindet. Der Entwurf versteht die Transformation des ehemaligen Zementwerksareals als Aufgabe des Weiterbauens. Durch räumliche Präzision, konstruktive Konsequenz und die bewusste Überlagerung von Programmen wird ein Gebäude entwickelt, das auf langfristige Nutzung, Anpassungsfähigkeit und Innovation im Umgang mit dem Bestand ausgerichtet ist. Der charakteristische industrielle Ausdruck des Bestands wird dabei nicht überschrieben, sondern als räumliche und konstruktive Grundlage weitergedacht.


